Behind the Brand: Tchibo, who made my clothes?

Who made my clothes? Interview Nanda Bergstein – Tchibo Appachi Eco-Logic Cotton – Greenpeace DETOX

Behind the Brand
– Tchibo, who made my clothes?

Wir haben euch am Montag von der neuen Kollektion von Tchibo berichtet, in der das Unternehmen Baumwolle aus biologischem Anbau einsetzt. Vor der Kooperation haben wir fleißig recherchiert um zu erfahren, was es nun genau mit der Eco-Logic Baumwolle und dem Appachi Projekt von Tchibo auf sich hat. Die verarbeitete Baumwolle in diese Kollektion wurde, so in den Pressetexten und auf der Website, sozial- und umweltverträglich in Indien von Kleinfarmern angebaut. Da liegt uns, als leidenschaftlichen Eco-Fair-Fashion-Botschafterinnen, natürlich direkt die Frage auf der Zunge: Und was ist mit den Näher*innen? Deshalb haben wir Nanda Bergstein, Head of Vendor Relations & Sustainability bei Tchibo, unsere Fragen gestellt und wollen euch das Interview, nachdem ihr alle so interessiert auf Instagram nachgefragt habt, nicht vorenthalten.

Know your Vocabulary… Eco and/or Fair Fashion?

Zuvor möchten wir allerdings noch kurz die Bedeutung der Begriffe Eco und Fairness, sowie ihrem notwendigen Zusammenspiel in der Textilproduktion sprechen.

Erst einmal ganz allgemein: wenn von Bio-Baumwolle die Rede ist, wird von dem Rohstoff gesprochen. Hier wurden die Pflanzen nach Öko-Standards angebaut. Was bedeutet Baumwolle aus biologischem Anbau? Und was ist eigentlich fair? Der biologische Anbau ist wichtig für die Umwelt und das anliegende Ökosystem, die sonst unter eingesetzten Pestiziden oder unter Überdüngung leiden müssen. Aber er ist auch extrem entscheidend für die Farmer*innen, die so nicht im giftigen Nebel ihres Pflanzenschutzes arbeiten müssen! Fairness beginnt ebenfalls auf dem Feld. Neben fairen Löhnen sind langfristige Abnahmeverträge mit den Handelspartner*innen für die Farmer*innen wichtig um ihre Existenzgrundlage zu sichern. Der Fairnessanspruch zieht sich von dort aus durch die gesamte Produktionskette. Es geht um faire Arbeitsbedingungen und gerechte Löhne, für alle, die an Produktiosprozess bis zum fertigen Kleidungsstück mitwirken. Es wird für uns also mehr als deutlich: Fairness ist nicht fair genug ohne biologischen Anbau – und Bio ist nicht genug ohne Fairness. Und doch müssen wir gerade als Botschafter*innen bislang leider manchmal Abstriche machen – und uns gelegentlich, trotz noch unvollkomener Nachhaltigkeitsstrategien, über positive Entwicklungen freuen. Dabei ist allerdings unabdingbar, dass eine eindeutige Motivation in Richtung ganzheitlicher Eco & Fairer Produktion zu erkennen ist.

Let’s talk History… Die DETOX Kampagne von Greenpeace

2011 hat Greenpeace die DETOX-Kampagne gegen Giftstoffe in der Textil- und Warenproduktion ins Leben gerufen – und ist 2014 dabei auch Tchibo auf die Pelle gerückt. Verschiedene, in der Produktion zum Einsatz kommende Gifte bedrohen die Gesundheit der betroffenen Arbeiter*innen und verschmutzen Flüsse und Seen in den Produktionsländern. Bis 2020 müssen alle toxischen Substanzen aus dem Produktionsprozess der Unternehmen verschwunden sein, die das Abkommen unterzeichnet haben. Bislang haben das 79 getan, davon 19 Modefirmen. Greenpeace überwacht die Schritte aller Unternemen die sich verpflichtet haben genau, und wird auch laut wenn sich jemand nicht entgiftet. Wer mehr über die Firmen und deren Detox-Entwicklungen erfahren will hier geht es zur Kampagne von Greenpeace.

Tchibo war 2014 eines der Unternehmen die mit am schnellsten auf die Forderungen seitens Greenpeace reagiert und bisher mit am konsequentesten in der eigenen Warenproduktion durchgegriffen haben. Sie haben sich, neben den reinen Detox-Anforderungen, auch dem so genannten Closed Loop Commitment verpflichtet.  Damit haben sie sich auch Recycling und Entsorgung zum Thema gemacht. Doch wie passt das mit der aktuellen Kollektion zusammen und wie sieht es an anderen Stellen der Produktions- und Lieferkette aus? Wir haben nachgefragt…

Tchibo, Who made my clothes? Interview Nanda Bergstein – Tchibo Appachi Eco-Logic Cotton – Greenpeace DETOX Campaign

 Interview with Nanda Bergstein (Head of  Sustainability bei Tchibo)

Kunstkinder Mag: Ihr habt euch ja, neben den reinen Anforderungen der Detoxkampagne, bis 2020 das Ziel gesetzt, textile Materialien zu verwenden, die den Kriterien einer Kreislaufwirtschaft entsprechen.
In der Kollektion mit ECO-LOGIC Baumwolle wurden der Baumwolle zum Teil Kunstfasern beigemischt, was die Kompostierung sowie das Recycling der Fasern beinahe unmöglich macht. Weshalb ist das passiert und wird das in der Zukunft vermieden?

Nanda Bergstein: Bei der Kollektion mit ECO-LOGIC Baumwolle machen synthetische Fasern insgesamt einen Anteil von knapp 30% am Gesamtsortiment aus. Die Fasern wurden dabei in der Kollektion eingesetzt, um bestimmte Qualitäten und Styles erzeugen zu können, wie z.B. die Strukturoptik des Mantels, um so dem modischen Charakter, den wir mit der Kollektion erreichen wollten, gerecht zu werden. Im Rahmen von DETOX haben wir als erstes Unternehmen auch das Closed Loop Commitment gegenüber Greenpeace unterzeichnet und reduzieren schrittweise den Anteil an Synthetikfasern in unseren Produkten. Des Weiteren arbeiten wir an Pilotprojekten für den Einsatz von recycelten synthetischen Fasern und fördern die Entwicklung von Industrielösungen für das Textilrecycling.

Für die erste Kollektion mit ECO-LOGIC Baumwolle war es uns wichtig, die Lieferketten aufzubauen und weiterzuentwickeln, um die Baumwolle in unsere Produkte zu schleusen. Dies ist ein aufwendiger und komplexer Prozess. Für die nächsten Kollektionen mit ECO-LOGIC Baumwolle bauen wir auf dem Erreichten auf und werden den Anteil an synthetischen Fasern weiter minimieren, bzw. wo möglich – Fasern aus recycelten Quellen einsetzen.

KM: Auf dem Green Carpet wurden noch weitere Kollektionen vorgeführt. Wie hoch ist hier der Anteil nachhaltig produzierter Materialien?

NB: Die Kleidungsstücke, die an dem Abend auf dem Laufsteg präsentiert wurden, enthalten mindestens 50% Materialien aus verantwortlichen Quellen, wie zum Beispiel Bio-Baumwolle oder die umweltschonend produzierte Modalfaser von der Firma Lenzing.
Grundsätzlich stammte 80% der Baumwolle, die wir in unseren Bekleidungs- und Textilprodukten 2016 eingesetzt haben, aus verantwortlichen Quellen. Bei den Man Made Cellulosic Fibres, wie Viscose oder Modal, lag der Anteil bei über 60%. Für alle Produkte, die noch keine nachhaltigen Fasern enthalten, gilt, dass wir daran arbeiten, auch diese nachhaltig zu erzeugen.

KM: Es wurde hauptsächlich von dem sozial- und umweltverträglichen Anbau der Appachi Baumwolle gesprochen. Inwieweit gilt dies auch für den Verarbeitungsprozess? Wo werden die Kleidungsstücke genäht und wie sozialverträglich sieht es hier in den Fabriken aus?

NB: Für die Weiterverarbeitung der Baumwolle aus dem Appachi ECO-LOGIC Project haben wir die Lieferkette auf den Kopf gestellt, sie vom Baumwollfeld aus mit Lieferanten, die hauptsächlich in Indien sitzen, organisiert. Die Zwischenstufen haben unser Sozialaudit durchlaufen und befinden sich im Verbesserungsprozess. In der Endfertigung wurde bzw. wird unser Menschenrechtsprogramm WE durchgeführt. Die Kollektion wurde bis auf ein Teil komplett in Indien gefertigt. Der Mantel wurde in Bangladesch endgefertigt, da wir dort bereits seit Jahren mit einem sehr guten Spezialisten zusammenarbeiten. Nach unserer Sourcing Policy platzieren wir nach Möglichkeit bei Lieferanten aus unserem festen Lieferantenpool.

WE steht für „Worldwide Enhancement of Social Quality“ = die weltweite Verbesserung der sozialen Qualität in Produktionsstätten. Es geht um die Sicherstellung von Menschenrechten und die Verbesserung der Arbeitsbedingungen. Das Besondere an diesem Programm ist, dass Manager und Fabrikarbeiter gemeinsam Maßnahmen und Lösungen für bessere Arbeitsbedingungen erarbeiten und umsetzen. Das Programm dauert mindestens 2 Jahre pro Fabrik und wird von externen Beratern und Moderatoren intensiv begleitet. (www.we-socialquality.com). Zusätzlich haben wir in 2016 mit der globalen Dachgewerkschaft INDUSTRIALL eine Rahmenvereinbarung unterzeichnet, über die wir gemeinsam beginnen – aufbauend auf dem WE Programm – das Thema Gewerkschaftsfreiheit in den Fabriken, in denen wir einkaufen, durchzusetzen.

KM: Das Appachi-Projekt klingt nach einem kosten- und arbeitsaufwändigen Unterfangen. Wie ist es möglich, dass die Preise der Kleider so niedrig sind? Wird die Kollektion über andere Einnahmen quersubventioniert?

NB: Es ist richtig, die Erarbeitung der Kollektion war durch den Aufbau der Lieferketten und die Entwicklung der Qualitäten vom Rohstoff ausgehend aufwändiger als bei unseren regulären Wochenwelten. Für uns ist Nachhaltigkeit ein Investment, das parallel mit den Anpassungen im Lieferkettenmanagement und Produktdesign zusammengedacht werden muss. Wir arbeiten dabei daran, das Lieferkettenmanagement so zu gestalten, dass Partnerschaften langfristiger sind, Rohmaterialien frühzeitiger beschafft werden können, Standards besser umgesetzt und insgesamt die Effizienz erhöht wird. Das Produktdesign muss einen optimaleren Materialeinsatz berücksichtigen ebenso wie die Bündelung der Rohmaterialbeschaffung, worüber auch mehr Effizienzen generiert werden können. All diese Maßnahmen balancieren das Investment in Nachhaltigkeit aus. Was aber klar ist – bei solchen Aufwänden können und wollen wir nicht der Billigste sein. Unser Anspruch ist es, Produkte mit guter Qualität zu fairen Preisen für unsere Kunden anzubieten und dabei auch eine Bewegung in Richtung mehr Nachhaltigkeit mitzugestalten.

Vielen Dank für das Gespräch, Nanda Bergstein!

Und nun?

Wir hoffen, das Interview mit Tchibo hat einige für euch offene Fragen klären können. Generell gilt euch allen fleißigen Diskutierenden noch einmal großer Dank – denn es tut ganz schön gut zu sehen, zu was für kritischen KonsumentInnen wir uns mit etwas Zeit und Einblicken doch erzogen haben. Generell gilt wohl, ganz frei zitiert nach Fashionrevolution.org: Bleibt neugierig, fragt nach, und tut etwas! Greenpeace hat’s ganz schön toll vorgemacht. <3

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Kommentare (3)

  1. Bin immer wieder beeindruckt, wie viel Arbeit ihr euch macht! Danke dafür!

    • Liebe Lisa, danke für deine Worte – manchmal steht man als selbsternannte Fair Fashion Pionierin da, und muss ein wenig den Kopf schütteln, wie viel Recherche und Arbeitszeit da in eine Sache geht, die eigentlich die Selbstverständlichste der Welt sein sollte. Danke also für’s Ermuntern, weiter zu machen! <3

  2. Pingback: Brandnews #11 – Fashion Revolution Week Spezial - Nicetohave Mag

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